KAPITEL 6

Ein unglaubliches
Rennen

Einen ersten Sieg hat es bereits gegeben. Zum Abendessen bekommt Lola tatsächlich Pizza mit Pommes, die sie sich so sehr gewünscht hat und kriegt davon kein bisschen Bauchweh! Sie muss aber auf das Dessert verzichten – das war die Bedingung, die ihr Papa gestellt hat.
Dagegen verschlingt Peter nach einem Teller Nudeln mit Tomatensauce einen leckeren Becher Eis mit seinen Lieblingssorten: Schokolade, Haselnuss und einem Berg Sahne.
Midori Kuma serviert Lola wie immer ein unsichtbares Dessert, damit auch sie das letzte Abendessen fern von zuhause mit etwas Süßem beenden kann. Das Gesprächsthema beim Abendessen ist natürlich, was sich die geniale Olivia für das Rennen wohl hat einfallen lassen?
»Ich glaube, dass Bob eine Rakete in den Motor ihres Gokarl gesteckt hat. So kann sie mit Vollgas losfahren, gleich alle Konkurrenten hinter sich lassen und gewinnt das Rennen«, versucht Lola zu raten.
»Richtig, ich weiß genau, dass wir morgen ein Skrat-Rennen sehen werden, das sind die berühmten Gokarts mit einem ganz besonderen Antrieb«, ergänzt ihr Papa lachend.
»Nein, nein, was redet ihr da! Morgen werden viele Karts auf der Rennstrecke sein«, fügt Peter hinzu.
Dann diskutieren sie noch verschiedene Möglichkeiten für eine von der genialen Olivia organisierte Überraschung. Peter denkt, dass Olivia zum Beispiel einen berühmten Rennfahrer der Formel 1 zur Kartbahn einladen könnte. Sofort hat Lola noch eine weitere Idee:
»Es wird ein Weltmeister kommen und einen Piloten aussuchen, den er dann mitnimmt.«
»Eine Entführung?«, scherzt Steffen.
Die Überraschung könnte auch ein unschlagbarer Gokart sein, der während der Nacht gebaut wird, rätseln sie weiter. Das würde ein superschnelles Fahrzeug werden, weil es in Wirklichkeit zwei sind – die Gokarts von Daniel und Max, die einer auf dem anderen gelandet und so zu einem einzigen Auto geworden sind.
In Wirklichkeit kann sie keine dieser fantasievollen Möglichkeiten richtig überzeugen. Midori Kuma hat dem Geplauder zugehört und am Ende bedeutet er mit den Pfoten, die Ruhe zu bewahren. Außerdem schüttelt er jedes Mal, wenn sie über irgendwelche Fantasietechnologien rätseln, den Kopf.
»Midori, mein Schatz, weißt du, worum es geht?«, fragt Lola ihn, bevor sie einschläft. Er nickt bejahend und dann berührt er mit der Pfote zuerst sein Herz und dann das von Lola und Peter.
»Was bedeutet das?«, fragt Lola gähnend.
Sie ist tod-müde.
»Ich glaube, er will sagen, dass es sich um eine liebevolle Geste handelt«, erklärt Steffen.
Er küsst wie immer die Kinder auf die Stirn und streichelt Midori Kuma, der wie gewohnt bereits eingeschlafen ist.
Als sie am nächsten Morgen bei der Rennbahn ankommen, bemerken sie nichts Sonderbares. Es ist ein schöner sonniger Sonntag und die Eltern plaudern locker untereinander. Nur hin und wieder werfen sie einen prüfenden Blick auf die Karts ihrer Kinder. Die Atmosphäre ist vollkommen entspannt.
Das hatten die Eltern der Kinder bei den Interviews nicht so dargestellt. Sie hatten gestanden, dass sie beim Rennen nervöser als ihre Kinder seien, weil die Rennfahrer noch klein sind und den Wettkampf nicht mit so großem Herzklopfen erleben.
Die Eltern sagen den Kindern zwar ständig, sie sollen das Rennen wie ein Spiel sehen, bei dem sie ihr Bestes geben, aber in Wirklichkeit hoffen sie, dass ihr Kind gewinnen und den Pokal auf der höchsten Stufe des Siegerpodests hochhalten wird.
Die Einzigen, die ziemlich angespannt wirken, sind Max und seine Mutter. Von dem Platz aus, den Lola, Peter und Midori Kuma gewählt haben, um das Rennen zu verfolgen, können sie den Ex Champion sagen hören:
»Das ist das letzte Mal, dass ich mitmache. Gestern Abend habe ich Papa am Telefon schon gesagt, dass meine Karriere im Autosport vorbei ist.«
»Einverstanden. Du weißt sehr gut, dass dich niemand zwingen will, etwas zu machen, was dir nicht gefällt. Ausgenommen für die Schule zu lernen. Also versuche jetzt nur, Spaß zu haben und nett zu deinen Freunden zu sein.« Max antwortet nicht.
Er setzt den Helm auf und zieht seinen Gokart zur Rennbahn, ohne Daniels Gruß zu erwidern, der noch einmal versucht hat, mit seinem Kameraden Frieden zu schließen. Steffen hat sich zu den Kindern gesetzt und schreibt die letzten Notizen für seinen Artikel auf.
Midori Kuma schließt ihm plötzlich sein Notizbuch und gibt ihm ein Zeichen zu warten.
»Willst du sagen, dass die Story, die ich erzählen muss, vollkommen anders ausfallen wird?«, fragt Steffen.
Zur Antwort kratzt sich der Bär den Bauch und sieht entspannt aus. In diesem Augenblick taucht Olivia mit einem strahlenden Lächeln vor ihnen auf.
»Seid ihr bereit für ein einzigartiges Schauspiel heute Morgen?«, fragt sie sofort und sieht sie mit einem schelmischen Ausdruck an, wie jemand, der gleich einen tollen Streich plant.
»Ich hab schon verstanden. Du hast dir eine Rakete in deinen Kart stecken lassen«, sagt Lola.
»Was hör ich da? Endlich hast du gelernt, das Wort ›Kart‹ auszusprechen. Das heißt, dass du bereit bist, einen zu fahren!«, ruft Bob, der Olivia hilft, ihren Gokart auf der Startlinie zu positionieren.
»Natürlich bin ich bereit – ich hab ja auch den Führerschein«, antwortet Lola und zeigt den kleinen Karton, den sie am Vortag nach der Prüfung erhalten hat.
Alle Rennfahrer haben ihre Position an der Startaufstellung bezogen, dann stellt sich ein sehr großer magerer Mann neben den ersten Gokart, den von Olivia, und hebt eine Flagge – es ist der Rennleiter, und wenn er den Arm senkt, dürfen die Autos starten.
In diesem Augenblick ist der Motorenlärm sehr laut, weil sich alle bereit halten, um so schnell wie möglich loszubrausen. Lola, Peter und Midori Kuma halten sich instinktiv an den Händen – sie sind sehr angespannt und aufgeregt, denn es ist ja ihr erstes Rennen.
Sobald der Mann den Arm mit der Fahne senkt, ist die Enttäuschung der drei kleinen Zuschauer groß. Alle sind sehr langsam angefahren. Während der Proben waren sie viel schneller unterwegs.
»Ich hab verstanden: Gestern habt ihr uns ermahnt, mit dem Smartphone nicht zu sehr auf das Gas zu drücken, und jetzt haben sie beschlossen, ebenso vorsichtig mit dem Gokart zu sein«, versucht Peter zu raten.
»Habt ihr auch bemerkt, dass die Fahrer vorne langsamer fahren, als die hinteren?«, bemerkt Lola.
Und wirklich, Olivia und die anderen Konkurrenten, die bei den Qualifikationen die schnellsten waren, fahren jetzt wie bei einem Sonntagsspaziergang. In den hinteren Reihen dagegen gibt es ein wenig mehr Kampfgeist.
Max, der zwar kein Interesse am Rennen hat, profitiert von der Langsamkeit seiner Konkurrenten, weil er die anderen Fahrer überholen muss, die noch langsamer fahren als er. Mancher scheint – allerdings mit wenig Überzeugung – seinen Angriffen widerstehen zu wollen, fährt dann aber zur Seite und lässt ihn überholen.
Steffen öffnet wieder sein Notizheft und beginnt etwas zu schreiben. Er hat jetzt einen Verdacht und das Verhalten der Eltern der Fahrer auf den Tribünen bestätigt diesen Verdacht – anstatt ihre eigenen Kinder anzufeuern, sind sie alle auf Max‘ Seite und treiben ihn an, die anderen zu überholen.
»Hattest du das begriffen?«, fragt Steffen Midori Kuma, der jetzt bejahend nickt und sehr zufrieden dreinschaut.
»Was begriffen?«, wollen Lola und Peter wissen.
»Wartet ab, gleich werdet ihr es sehen ...« Nach vier Runden ist Max vom letzten Platz auf den zehnten aufgerückt.
Er befindet sich jetzt im Mittelfeld der Gruppe und die Vorstellung, auch noch die anderen zu überholen, weckt in ihm Gefühle, die er verdrängt hatte und ihm wieder richtig Vergnügen bereiten. Er bemüht sich, so zu fahren, wie er es früher konnte, und drückt das Gaspedal vollkommen durch.
Die Piloten, die direkt vor ihm fahren, bemerken es und fahren jetzt nicht mehr absichtlich langsam, sondern versuchen, das Tempo des Rennens zu beschleunigen und beginnen echte Duelle. Aber Max hat den Ehrgeiz jener Zeit, als er der unschlagbare Champion war, wiedergefunden. Es gelingt ihm eine Reihe von beeindruckenden Überholmanövern, für die er einige Male hart kämpfen muss.
Zum Beispiel gegen Daniel, der sich so heftig wie möglich wehrt, aber dann trotzdem auf der Geraden überholt wird. Nach acht Runden ist Max an dritter Stelle und auch Olivia sieht ihn bereits in ihrem Rückspiegel.
Sie versteht, dass ihr Plan funktioniert hat, und beglückwünscht sich lautstark in ihrem Helm:
»Du bist echt ein Genie, aber jetzt nur nicht klein beigeben, ohne zu kämpfen!«
Nach zwei weiteren Runden ist Max direkt hinter ihr und versucht, auf jede Art und Weise sie zu überholen. Sie widersteht und fährt ein wenig Schlangenlinie, um ihn zu verwirren.
Lola fühlt, wie heftig ihr Herz schlägt. Sie ist wahnsinnig aufgeregt, vor allem weil sie das spannende Duell beobachtet, in das ihre Freundin verwickelt ist.
»Los, Olivia, halte durch!«, ruft sie ihr mit aller Kraft zu.
Ihr Zuruf bringt aber leider nicht viel, weil es Max genau in der schnellsten Kurve der Rennbahn gelingt, Olivia zu überholen, und es so an die Spitze schafft. Am Ende der letzten Runde, als Max auf der Geraden ist, schwenkt der Rennleiter dieses Mal die karierte Zielflagge und Max jubelt wie in alten Zeiten. Er ist glücklich, wieder gewonnen zu haben.
Dieses Mal hat es ihm richtig Spaß gemacht und er hat plötzlich die Freude an den Gokart-Rennen wiedergefunden. Als er aus dem Auto aussteigt, hat er keine Lust mehr, nach Hause zu fahren, um wieder Videospiele zu spielen, sondern will die Feier auf dem Siegerpodest mit der Preisverleihung, dem Applaus und dem Pokal genießen.
Während die anderen Piloten Max beglückwünschen, bedankt sich seine Mutter gerührt bei allen.
Natürlich hat auch sie verstanden, was hier passiert ist.
Olivia erklärt es Lola und Peter:
»Mein genialer Plan war so – ich habe allen anderen vorgeschlagen, absichtlich langsam zu fahren und sich von Max überholen zu lassen, damit er Positionen aufholen kann und wieder Lust bekommt zu siegen. Ich weiß ja, wie sehr er den Motorsport liebt, deshalb hatte ich keine Zweifel, dass er sich erinnern würde, wie toll es ist, in Führung zu sein. Im zweiten Teil des Rennens ist keiner mehr absichtlich langsam gefahren und Max hat wirklich den Sieg verdient!«
Auch Max hat den Verdacht, dass ihm die anderen Piloten eine Falle gestellt hatten. Aber was für eine tolle Falle! Max ist glücklich, dass ihn seine wirklichen Freunde, trotz seines unerträglichen Benehmens, nicht fallengelassen haben. Es wird ihm auch bewusst, dass es schwierig ist, so starke Gefühle in der virtuellen Welt zu empfinden.
»Du warst mir lieber, als du noch langsam gefahren bist«, sagt Olivia und zwinkert ihm zu.
»Da habe ich hin und wieder auch gewinnen können!«
»Steck diese Medaille weg, heute verdienst du den Pokal. Du bist der Champ der Freunde«, antwortet Max und schenkt ihr seine Trophäe.
»Wie kommt es, dass diese zwei Kinder gestern einen Führerschein bekommen haben, aber keinen Kart haben?«, fragt Bob und zeigt auf Lola und Peter.
»Das ist wirklich ein schweres Manko, dem man sofort abhelfen muss«, antwortet Steffen.
»Dann kommt alle mit«, befiehlt Bob und geht zur Rennstrecke, wo drei Gokarts stehen.
»Dürfen wir sie echt probieren?«, ruft Lola glücklich.
»Wow, das ist ja ein tolles Geschenk!« Peter kann es kaum glauben.
»Wenn du Helm und Anzug angezogen hast – lass mir aber deinen Flitzer. Wer würde sonst die Fotos machen, wenn du wie ein echter Champion fährst?«, sagt Bob.
»Ich soll Ihnen mein Smartphone geben? Wir kennen uns doch erst seit drei Tagen, das sind zu wenige, um Ihnen vertrauen zu können!«, antwortet Peter und stellt sich besorgt und ernst.
»Bravo, du hast die Lektion begriffen!«, ruft Bob und bricht in Lachen aus.
Aber Lola unterbricht ihn sofort. »Ich verstehe nicht – warum stehen drei Karts auf der Piste?«, fragt sie.
»Wolltet ihr ihn zu Fuß gehen lassen? Den Spaß will er sich nie und nimmer nehmen lassen«, antwortet Steffen.
»Wer denn?«, beharren die Kinder und schauen auf die Kartbahn. In einem der Gokarts sitzt mit dem Helm auf dem Kopf: Midori Kuma, bereit, Gas zu geben.
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