KAPITEL 5

Alle auf dem
Prüfstand

»Wann hast du begonnen, mit dem Tark Rennen zu fahren?«, fragt Lola und freut sich, ein bisschen Zeit mit der sympathischen Olivia verbringen zu können.
»Was sind die Tark?«, fragt die Pilotin und bricht in Lachen aus.
Lola erklärt Olivia ihr Spiel – sie hat beschlossen, ganz viele Wörter zu erfinden, die so ähnlich
wie Kart sind.
Peter und Midori Kuma schauen sich kopfschüttelnd an.
»Ich hab begonnen, als ich fünf war«, beginnt Olivia zu erzählen.
»Mein Vater ist ein superbegeisterter Fan von Rennautos. Als Kind hatte er keine Möglichkeit, es auszuprobieren, und deshalb hat er es mir vorgeschlagen. Ich war sofort einverstanden, weil ja niemand glauben soll, dass es Dinge gibt, die Mädchen nicht machen können!
Es macht auch wahnsinnig Spaß und sicher werde ich nicht nur Gokart-Rennen fahren. Nein – wie hast du sie genannt? – Tarkrennen fahren! Mein Traum ist es, eines Tages Formel-1-Pilotin zu werden.«
»Du bist irre cool!«, ruft Lola voller Bewunderung.
»Du bist auch cool! Magst du ein Foto mit mir machen? Dann poste ich es und stelle dich als meine besondere neue Freundin vor. Wenn du mir deine Nummer gibst, schicke ich es dir, damit du es auch hast und zu deinem Status hinzufügen kannst.«
»Das wäre echt spitze. Aber ich hab leider noch kein Smartphone.«
»Wirklich? Lass dir doch eines schenken, worauf wartest du noch?«, fragt Olivia überrascht.
»Meine Eltern sagen, dass es noch zu früh ist, und dass ich warten muss, bis ich mindestens zehn bin«, jammert Lola.
»Schade!«, sagt Olivia.
»Schau wie viele Likes ich jedes Mal bekomme, wenn ich ein Foto von einem Rennen poste. Ich will nicht angeben, aber meine Fotos sind etwas Besonderes. In meiner Schule gibt es nicht viele Mädchen, die in einem Pilotenanzug und mit einem Auto, das ihnen gehört, auftreten können. Schau dir dieses Video an – es sieht so aus, als würde ein Junge aus dem Gokart steigen, bis ich den Helm abnehme und man plötzlich meine langen schwarzen Haare sieht. Es ist fast ein Spezialeffekt!«
»Du hast wirklich Glück ...«, seufzt Lola verzaubert.
Midori Kuma schüttelt besorgt den Kopf, er möchte seine Freundin von diesen Gedanken abbringen. Sie ist aber von Olivia beinahe hypnotisiert. Jetzt hat Olivia auch noch einen Einfall, wie sie ihrer neuen Freundin helfen kann.
»Lola, ich bin ein Genie! Weißt du, was du machen könntest? Bitte Peter um sein Passwort, dann kannst auch du Social Media nutzen, du brauchst dich nur in sein Profil einzuklicken.«
Mittlerweile ist Steffen eingetroffen, den Midori Kuma rechtzeitig herbei gerufen hat. Gerade rechtzeitig, um den Ratschlag mit zu hören, den seine Tochter eben bekommen hat.
»Olivia, würdest du deine Zahnbürste einer Freundin leihen?«, fragt er.
»Igitt, wie eklig! Natürlich nicht!«
»Genau! Denk daran, dass dein Passwort wie eine Zahnbürste ist. Es gehört nur dir und darf mit niemandem geteilt werden. Wenn dir jemand einen bösen Streich spielen will, braucht er nur auf deinen Social-Media-Seiten unpassende oder peinliche Kommentare oder Fotos posten. Es wäre dann sehr schwierig zu beweisen, dass du es nicht gewesen bist.«
»Wow, daran habe ich nicht gedacht«, sagt Olivia nachdenklich.
Jetzt aber ist Brotzeit. Die Eltern der kleinen Rennfahrer bringen, wie es schon Tradition ist, Getränke, Brötchen und Süßigkeiten mit, die sie nach den Qualifikationen unter den Kindern verteilen. Außerhalb der Rennstrecke gibt es keine Rivalitäten mehr und alle sind ganz einfach wieder Kinder.
Dieses Mal kündigt Bob allerdings an, dass die Prüfung für den besonderen Führerschein beginnt, wenn sich alle gestärkt haben. Die Kinder scheinen ein bisschen nervös zu werden. Daniel ist richtig bang, weil er glaubt, dass er auch Fragen der Mathematik beantworten muss, und fängt sofort an, das Einmaleins zu üben. Die 8er-Reihe kann er sich nie richtig merken.
»Keine Angst«, beruhigt ihn Bob lachend.
»Um ein Smartphone zu benutzen, brauchst du nur die Zahlen von null bis neun lesen können.« Dann geht er zum Büro des Direktors der Kartbahn, der mittlerweile kleine Kartons vorbereitet hat, die er zu den Spezialführerscheinen machen wird.
Als sich die Kinder auf der schmalen geraden Linie der Rennbahn aufgestellt haben, erklärt Bob, dass sie alle von derselben Ausgangsposition starten. Jeder, der eine richtige Antwort gibt, rückt um eine Position vor, bis eine neue Startaufstellung erreicht ist.
»Seid ihr bereit?«, fragt der Mechaniker.
»Neiiiiiin«, antworten die Kinder, um ihn auf den Arm zu nehmen.
»Dann geht es also los! Hier kommt die erste Frage: Wenn ihr ein Online-Spiel spielt und einen Gegner, den ihr nicht kennt, herausfordert, könnt ihr ihm sagen, wie ihr heißt, wo ihr wohnt, in welche Schule ihr geht?«
»Nein!«, antwortet Daniel als Erster.
»Weil der Gegner vielleicht gar kein Kind ist und mich suchen kommen kann. Das kann gefährlich sein.«
»Mann, bravo! Absolut richtig! Du darfst um eine Position vorrücken« fordert Bob ihn auf und fährt gleich mit der nächsten Frage fort:
»Dürft ihr Fotos oder Videos von anderen Personen posten, ohne deren Erlaubnis zu haben?« Schweigen.
Dieses Mal kennen die Kinder die Antwort nicht. Midori Kuma dagegen beginnt zu hüpfen und schüttelt verneinend den Kopf.
»Ein Punkt geht an den grünen Bären, komm nach vorne!«, sagt Bob zu ihm und zwinkert ihm zu.
Midori Kuma schaut sich verdutzt um. Er war sich nicht bewusst, dass er ebenfalls an dem Wettbewerb für den Führerschein teilnimmt. Aber jetzt, wo er einen so guten Eindruck gemacht hat, gefällt es ihm und er will weitermachen.
Bob erklärt: »Ihr müsst wissen, dass es absolut verboten ist, Fotos oder Videos von anderen zu veröffentlichen, ohne deren Zustimmung zu haben!«
Dann fährt er fort: »Kann man jemanden, den man in einem Chat kennengelernt hat, persönlich treffen?«
»Jaaaa!«, antwortet Lola, ohne sich die Frage genau angehört zu haben. Als sie aber die enttäuschten Gesichter ihres Vaters und von Midori Kuma, der sich den Kopf kratzt, sieht, errät sie, dass sie zu schnell ›Gas gegeben‹ hat und gegen ein riesiges NEIN ›geprallt‹ ist. Das Smartphone ihrer Träume entfernt sich schneller als ein Gokart.
»Es tut mir leid, Lola, du musst einen Schritt zurückmachen «, sagt Bob und fügt dann hinzu: »Es ist immer schön, neue Freundschaften schließen zu können, und das Smartphone macht es leichter, neue Bekanntschaften zu finden. Man muss aber sehr vorsichtig sein – es gibt böse Menschen, die sich hinter einer falschen Identität verbergen, also vorgeben, jemand anderer zu sein. Das dürft ihr nie vergessen.
« Und schon kommt die nächste Frage: »Wie viel Zeit am Tag darf man mit Videospielen oder mit dem Smartphone spielen?«
»Drei Stunden«, übertreibt Olivia.
»Zwei Stunden?«, rät Peter.
»Na, Kinder, übertreibt nicht. Ich würde sagen, dass in eurem Alter eine Stunde am Tag mehr als genug ist«, stellt Bob klar.
Und sofort fügt er die nächste Frage hinzu: »Wenn ihr mit jemandem chattet, dürft ihr alles schreiben, was ihr wollt?«
»Nein, wir müssen unsere Worte vorsichtig wählen. Sonst könnte man jemanden beleidigen oder verletzen «, antwortet wieder Daniel.
»Du bist wirklich ein Champion«, beglückwünscht ihn Bob. Während Daniel um eine weitere Position vorrückt, fährt Bob mit dem Quiz fort: »Darf ich jemanden in den Social Media, wo niemand meinen Namen erfährt, ich also anonym bleibe, beleidigen?«
»Das tut man nicht, aber ich habe gehört, dass es unmöglich ist, entdeckt zu werden«, wagt sich Lola nicht sehr überzeugt vor.
»Nur der erste Teil deiner Antwort ist richtig, deshalb musst du nicht noch einen Schritt zurückmachen«, sagt Bob.
»Es gibt keine Anonymität im Internet. Es gibt Experten für Internetsicherheit, die jemanden ausfindig machen können, der Beleidigungen oder Drohungen postet. Wenn ihr also eine hässliche Nachricht bekommen solltet, macht euch keine Sorgen. Man kann den Schuldigen aufspüren und einschreiten.« Bob stellt noch einige Fragen und die Antworten sind mehr oder weniger korrekt.
Daniel wird absoluter Sieger, aber Bob beschließt, den Führerschein trotzdem allen zu geben. Auch Midori Kuma bekommt einen Führerschein, er hat ja Bob bei dieser Prüfung unterstützt.
»Kinder, ich glaube, ihr habt gelernt, vorsichtiger zu sein. Es gibt aber noch etwas, was ich euch fragen will, da wir hier auf einer Rennstrecke sind: Würdet ihr eine unbekannte Person in euer Auto einsteigen lassen?«
»Neiiiiiin!«, antworten einstimmig Lola, Peter und alle Piloten.
»Bravo, genauso, wie wir keine Fremden in unser Auto einsteigen lassen, genauso wenig erlauben wir ihnen in unser Leben einzutreten und vor allem wollen wir nicht zu viel Zeit vor diesen Bildschirmen verbringen. Wir wissen alle, dass das fantastische Geräte sind, in gewissen Fällen kann man mit ihnen sogar lernen und viele Themen vertiefen. Manchmal aber verwandeln sie sich in Feinde und sie isolieren uns vom Rest der Welt. Habt ihr gesehen, was mit Max passiert ist? Wenn er weniger Zeit mit dem Smartphone und den Videospielen verbracht hätte, hätte er die Begeisterung für die Dinge, die er immer geliebt hat, nicht verloren.«
Als sie wieder im Hotel sind, tauschen Lola, Peter und Midori Kuma stolz ihre Führerscheine aus, lessen die Namen, die auf den kleinen Kartons stehen und kommentieren die schwierigsten Fragen.
Dann fragt Peter: »Ist Max wirklich so eigenartig geworden, weil er zu viel Zeit vor einem Bildschirm verbracht hat?«
»Erinnert ihr euch, als wir über die unsichtbaren Speisen geredet haben und ich euch sagte, dass es Dinge gibt, die unsichtbar scheinen, aber wirklich Schaden anrichten können?«, fragt Steffen.
»Ja, Onkel. Das hast du gestern gesagt, als wir hierher zur Kartbahn gekommen sind.«
»Richtig, Peter, genau hiervon habe ich gesprochen. Im Kopf von Max sind all diese Stunden wie eine riesige Torte geworden, die ihn so dick hat werden lassen, dass er schwer geworden ist und faul, ohne Kraft und Energie, um noch irgendetwas anderes zu tun. Er will nur ständig diese leckere Torte essen.«
»Es ist, als hätte er den falschen Treibstoff getankt und den Motor kaputtgemacht«, sagt Peter.
In diesem Augenblick klingelt aber das Handy des Jungen. Es ist eine Nummer, die er nicht kennt und jetzt weiß er nicht, ob er antworten soll. Nach all den Warnungen wegen der gefährlichen unbekannten Menschen, ist er besorgt.
»Keine Angst, ich bin ja hier«, beruhigt ihn Steffen.
»Hi, ich bin Olivia! Kannst du den Lautsprecher einschalten, damit mich auch Lola hört?« Die fröhliche Stimme des lustigen Mädchens lässt alle wieder lächeln.
»Was möchtest du uns sagen?«
»Ich bestätige, dass ich ein Genie bin. So ist es. Ich hab eine tolle Idee und für das Rennen morgen organisiere ich gerade eine Wahnsinnsüberraschung. Bereitet euch vor!«, kündigt sie an und legt sofort wieder auf, um nicht zu viel zu verraten.
»Was hat sie wohl vor?« Lola ist ganz aufgeregt.
Midori Kuma kratzt sich zufrieden den Bauch. Er glaubt, dass etwas ganz Besonderes bevorsteht.
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DU BIST DEM ENDE NAHE. ES IST SCHADE, ICH WEISS.
ABER JETZT KANNST DU HERAUSFINDEN,
WIE DIESES RENNEN ENDEN WIRD.
MACH DICH AUF EINE ÜBERRASCHUNG GEFASST!
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