KAPITEL 4

Ein Spezial
führerschein

»Macht schon, ihr Schlafmützen! Ihr müsst Gas geben, wenn wir rechtzeitig zu den Qualifikationsfahrten kommen wollen!«
Am nächsten Morgen treibt Steffen die Kinder an, die sich noch ganz verschlafen so langsam wie
Schildkröten bewegen, obwohl der Wecker schon mehrmals geklingelt hat.
»Hast du uns gestern nicht gesagt, wir sollten langsam machen, weil wir Kinder immer viel zu schnell unterwegs sind und das gefährlich ist?«, antwortet Lola, spitzbübisch wie immer.
Gestern waren sie und Peter erst sehr spät eingeschlafen und das hatte zwei Gründe. Erstens waren sie froh, dass ihre Betten nebeneinanderstanden und sie quatschen konnten, und zweitens hatten sie sich alle auf der Rennbahn aufgenommenen Fotos auf Peters Handy in Ruhe angesehen und sich die aufregenden Ereignisse des ersten Tages auf einer Kartbahn in Erinnerung gerufen. Während sie das leuchtende Display betrachteten, konnten sich die beiden nicht zurückhalten
und machten jede Menge Kommentare, die den armen Midori Kuma aufweckten, der sofort in einen tiefen Schlaf gefallen war.
Also stand der grüne Bär auf, ging zu den zwei Kindern, legte seine Vorderpfoten auf ihre Münder und forderte sie auf, still zu sein und das Display auszuschalten. Dann schlief er wieder friedlich ein.
Aber nur für wenige Minuten, denn sobald Lola und Peter wieder in helles Lachen ausbrachen, schreckte er hoch. Aber Midori Kuma wird nie wütend –, das ist das Schöne an ihm.
Nach einem üppigen Frühstück, bei dem Peter und Lola Muffins, Kuchen, Milch mit Cornflakes, Croissants und sogar noch ein Brötchen mit Schinken verschlungen haben, ist das Grüppchen zum Aufbruch zur Kartbahn bereit.
»Was glaubt ihr, wer wird heute die schnellste Runde mit dem Gotrak schaffen?«, fragt Lola, die beschlossen hat, zwar die richtigen Buchstaben, aber in einer anderen Reihenfolge zu verwenden. »Bestimmt nicht Max«, sagt Peter. Diese Antwort vertreibt allen die gute Laune.
»Gestern sind so viele sonderbare Dinge passiert, wer weiß, ob es heute ein ruhigerer Tag wird?«, fragt sich Steffen.
»Und wer weiß, ob der Mechaniker wieder meinen ... Flitzer erwähnt«, sagt Peter nachdenklich.
»Ich glaube, du solltest ihn fragen, was er eigentlich gemeint hat«, schlägt Lola vor und Midori Kuma klatscht mit den Pfoten, um Lolas Vorschlag zuzustimmen.
»Ich schäme mich ein bisschen«, gesteht Peter schüchtern.
»Quatsch, er scheint ein freundlicher und herzlicher Mann zu sein. Du hast doch gesehen, wie nett er zu Olivia ist. Ich hoffe ganz fest, dass sie heute die Poleposition schafft und morgen sie und Daniel gewinnen.«
»Von wem hast du denn den Begriff ›Poleposition‹ gelernt? « scherzt Peter.
»Vielleicht von deinem Lieblingspiloten? Weißt du nicht, dass nur einer gewinnen kann?« Der Junge hat seine gute Laune wiedergefunden und ist auch froh, dass Lola das Thema gewechselt hat.
Weil ihn die Vorstellung, Bob um eine Erklärung zu bitten, einschüchtert.
Als sie bei der Rennbahn ankommen, zwingt Midori Kuma ihn, die schwierige Frage zu stellen, als sie den Mechaniker treffen. Die Kartbahnen sind kleine Rennstrecken, es ist also praktisch unmöglich, jemandem aus dem Weg zu gehen. Als Bob gerade an ihnen vorübergeht, stößt der grüne Bär Peter leicht an und bringt ihn aus dem Gleichgewicht, sodass er beinahe mit dem Mann zusammenstößt.
»Hey, hast du gerade Lust auf ein Tänzchen?«, scherzt Bob.
Und fügt gleich hinzu: »Sei vorsichtig, dass du nicht stolperst, sonst könnte dein superstarker Flitzer hinunterfallen.« Jetzt hat Peter keine andere Wahl.
»Entschuldigen Sie, aber warum glauben Sie, dass ich einen Rennwagen habe? Ich bin kein Rennfahrer!«
»Ach wirklich? Und wie nennst du das Ding da?« fragt Bob und zeigt auf Peters Smartphone.
»Aber das ist doch nur ein Handy«, antwortet Peter überrascht.
»Nur ein Handy? Das glaubst du. Mit diesen Smartphones habt ihr ein superstarkes Gerät dabei.«
»Aber warum?«, schaltet sich Lola überrascht ein.
Bei der Vorstellung, etwas echt Starkes zu besitzen, wünscht sie sich noch sehnlicher, ein eigenes Smartphone zu haben.
»Hättest du Lust, einen Gokart auszuprobieren, Kleine?«, fragt Bob.
»Und wiiiiie!«, antwortet Lola begeistert.
»Also gut, das Handy ist ein bisschen wie ein Kart – es ist unterhaltsam und weckt viele Gefühle. Es ist schön, eine nette Nachricht von einem Freund zu bekommen, es ist nützlich, um die Eltern wissen zu lassen, wo wir gerade sind, es ist auch lustig, sich die Zeit mit einem heruntergeladenen Spiel zu vertreiben.
Aber es gibt noch eine andere Seite.
Wenn du zum Beispiel mit dem Gokart gegen etwas prallst, dann landest du im schlimmsten Fall auf den Schutzreifen, die entlang der Strecke aufgestellt sind. Wenn du dagegen mit einem Smartphone gegen etwas ›prallst‹, besteht die Gefahr, dass du keinen Schutzwall findest.
Weil man mit diesen Handys in Lichtgeschwindigkeit Nachrichten posten und Fotos und Videos teilen kann.
Ihr Kinder benutzt das Internet und dort findet ihr alles Mögliche, aber viele der Zugriffe wären für Kinder nicht erlaubt. Wisst ihr, dass die Sozialen Medien bis mindestens dreizehn Jahre verboten sind? Aber fast alle von euch chatten und ihr postet, was euch gerade Spaß macht, ihr schließt neue Freundschaften, ohne je diese ›digitalen Freunde‹ wirklich getroffen zu haben.
Ihr seid euch nicht bewusst, dass sehr viele Personen kontrollieren können, was ihr macht und was ihr schreibt, ohne dass ihr es bemerkt.
Einige behaupten, Kinder und eure Freunde zu sein, in Wirklichkeit können sie euch aber sogar etwas Böses antun.«
Peter und Lola sind überrascht. Diese Ansprache hatten sie sich nicht erwartet. Es war ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ein Handy etwas Gefährliches sein könnte.
»Seht ihr Olivia dort drüben?«, fährt Bob fort und zeigt auf das Mädchen, um deren Gokart er sich kümmert.
»Sie macht gerade ein Video von sich neben ihrem Flitzer und dann postet sie es auf ihrem Profil. Sie ist aber erst zehn Jahre alt und dürfte gar kein Profil in den sozialen Netzwerken haben.
Die Verantwortung haben aber vor allem die Eltern, die diesen Dingen dieselbe Aufmerksamkeit schenken sollten wie ihrem Auto.
Wenn sie ihr Auto zum ersten Mal ihrem Sohn oder ihrer  ochter leihen, vergewissern sie sich zuerst, dass sie den Führerschein gemacht haben und alle Regeln kennen, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Wisst ihr, was ich immer den Kindern sage?«
Peter und Lola schütteln den Kopf.
»Ich sage ihnen, dass man auch für das Handy einen Führerschein haben sollte. Jeder Junge und jedes Mädchen sollten eine Prüfung machen müssen, bevor sie ein Smartphone verwenden dürfen.
So würden sie alle wichtigen Regeln kennen, bevor sie diese neue Technik mit
ihren unbekannten Risiken nutzen.«
»Das ist ein großartiger Vorschlag!«, ruft Steffen aus, der alles mit angehört hat.
»Das ist wahrscheinlich die schönste Geschichte, die ich gehört habe, seit ich zu dieser Kartbahn gekommen bin. Das könnte der Titel meines Artikels sein: ›Ein Spezialführerschein‹. Wie findet ihr das?«
»Ich glaube, dass dieser Vorschlag vor allem Midori Kuma überzeugt hat – euer grüner Bär ist sehr klug«, sagt Bob und zeigt auf den grünen Freund, der mit den Pfoten dem Mechaniker
und dem Journalisten
Beifall klatscht.
»Und vielleicht würden auch die Eltern begreifen, dass sie auf ihre Kinder besser
aufpassen sollen, wenn sie im Internet surfen«, fügt Bob hinzu.
»Organisieren wir also diese ›Führerscheinprüfung für Handys‹!«, schlägt Lola begeistert vor.
Sie hat plötzlich die Hoffnung, wenn sie die Prüfung schafft, würde sie vielleicht sofort ein Smartphone bekommen. Ihre Eltern haben ihr wiederholt gesagt, dass sie vor ihrem zehnten
Geburtstag kein Smartphone haben darf. Sie kann ganz unmöglich noch zwei Jahre warten, das ist todsicher!
»Das könnte eine Möglichkeit sein, auch Max dazu zu bringen mitzumachen, und vielleicht bekommt er dann wieder Lust, mit seinen echten Freunden Spaß zu haben und für eine Weile die virtuellen zu vergessen«, überlegt Bob.
»Genau, also gehen wir es an!«, drängt Steffen.
Lola, Peter und Midori Kuma laufen zu Olivia, um ihr diese Führerscheinprüfung vorzuschlagen. Sie ist sofort dabei. Sobald sich eine Herausforderung stellt, kann Olivia ihren Kampfgeist nicht bezähmen. Sie will immer gewinnen, auch wenn es nicht nötig ist. Sie besitzt ja bereits ein Smartphone und kann es verwenden, wie sie will.
Sie läuft gleich zu Daniel, um ihm von dem Plan zu berichten, und Daniel spornt die anderen Rennfahrer an, auch mitzumachen. Es fehlt nur Max.
»Kommt nicht infrage«, antwortet er, sobald Olivia ihm den Plan erklärt. Er sagt das aber nicht feindselig, er scheint eher müde zu sein, lustlos, fast schläfrig.
Olivia kann Niederlagen nicht akzeptieren. Im Augenblick lässt sie ihn in Ruhe, aber beschließt, es später wieder zu versuchen. Jetzt ist nämlich der Augenblick gekommen, auf die Rennstrecke zurückzukehren – es beginnen die Qualifikationsrennen.
Jeder Pilot bemüht sich, eine Runde in der kürzest möglichen Zeit zu fahren. Auf diese Weise wird die Startposition beim Rennen festgelegt. Der Schnellste startet vor allen in Poleposition, gefolgt von den anderen, der Langsamste zum Schluss. Man nennt das die Startaufstellung. Bis vor wenigen Wochen konnten die Kinder nur um den zweiten Startplatz und jene dahinter kämpfen, weil Max immer den ersten Platz gewann – er war für alle Konkurrenten einfach zu schnell.
Heute dagegen wundert sich keiner mehr, wenn sein Name auf der Rangliste der Qualifikationen ganz unten und mit einem Riesenabstand zum Vorletzten aufscheint.
Lola, Peter und Midori Kuma schauen zu, wie die Kinder während einer halben Stunde so schnell sie können ihre Runden drehen, dann laufen Lola und Midori Kuma, um die Ergebnisse zu erfahren. Sie freuen sich, dass Olivia in Poleposition starten wird, Daniel dagegen hat den vierten Platz erreicht.
Während sie zu Peter zurückkehren, um ihn zu informieren – er ist bei der Rennstrecke geblieben, um noch mehr Fotos zu machen –, versperrt der Bär Lola den Weg und beginnt sich besorgt den Kopf zu kratzen. In der Nähe stehen Max und seine Mama, die angeregt miteinander reden. Lola und Midori Kuma hören angestrengt zu und hoffen, dass sie Max überreden kann, bei
der Prüfung mitzumachen.
»Warum können wir nicht gleich weg? Ich hab keine Lust hierzubleiben«, fragt der Junge.
»Weil auch du die Führerscheinprüfung für das Handy machen musst. Es ist eine gute Idee und du wirst sehen, dass sie dir nützlich sein wird«, erklärt seine Mama liebevoll.
»Ich kann nicht und es interessiert mich nicht. Ich hab eine Online-Verabredung mit meinen neuen Freunden, um zu spielen, und wenn ich mein Handy nicht auflade, geht es nicht!«
»Liebling, Papa und ich denken, dass es besser ist, wenn du ein Weilchen kein Handy hast und auch keine Videospiele mehr spielst. Es sieht so aus, als hättest du zu viel davon abgekriegt.«
»Was?!« Max schaut seine Mutter erstaunt an.
Als er sieht, dass sie es ernst meint, wirft er seinen Helm in hohem Bogen weg und rennt fort. Midori Kuma kratzt sich immer noch den Kopf und seine Augen sind traurig.
»Komm, sagen wir den anderen, dass Max die Prüfung nicht macht«, murmelt Lola leise.
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DIESES GANZ BESONDERE RENNEN IST EIN HÖHENFLUG,
FINDEST DU NICHT AUCH?
UND ES SIND NUR NOCH ZWEI KAPITEL BIS ZUM ENDE.
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