KAPITEL 2

Nein, stoßen
geht nicht

Peter ist hingerissen von den Kindern in seinem Alter,
die am Steuer sitzen.
»Sie schauen aus wie Erwachsene ... Wie sie fahren und dann noch der Helm, man kann
sie gar nicht unterscheiden!« Er ist voller Begeisterung.
Die Welt der Gokarts hat ihn bereits so gefesselt, dass er sofort seine Eindrücke mit seinen Mitschülern teilen will. Mit einer der vier Kameras seines Smartphones beginnt er, Fotos von den Kindern auf der Rennbahn zu machen und nimmt auch gleich
ein Video auf. Dann postet er alles in Lichtgeschwindigkeit auf seinen sozialen Netzwerken.
»Donnerwetter, na du hast da aber auch einen tollen Flitzer. Bist du sicher, dass du ihn auch lenken kannst?«, fragt ihn ein älterer Herr, der an ihm vorübergeht und ihm unter seinem langen
grauen Schnurrbart zulächelt.
Er wartet aber nicht auf Peters Antwort und geht weiter zu einem Fahrer, der gerade
langsam aus der Rennbahn fährt, um seinen Gokart zu parken.
»Meinte er mich?«, fragt Peter laut.
»So scheint es«, antwortet Lola neugierig. »Er hat gesagt, du hast einen Flitzer ...«
»Von wegen Flitzer! Wenn ich nur auch so ein Fahrzeug hätte, um auf der Rennbahn zu fahren!«, antwortet Peter.
Midori Kuma hat inzwischen begonnen, sich den Bauch zu kratzen.
»Vielleicht hat er dich mit einem Fahrer verwechselt, mit einem, der einen ganz schnellen Gotrak fährt«, versucht Lola zu erraten.  Peter muss wieder lachen.
»Lola, man sagt Gokart!«, versucht ihr Cousin, sie zu erinnern.
»Bestimmt hat er kapiert, dass du gern alles superschnell machst, wie wenn du die Hausaufgaben in kaum fünf Minuten schaffst«, scherzt Lola.
»Nein, noch viel schneller als bei den Hausaufgaben bin ich weg, wenn die Schulglocke läutet.« Peter lächelt, dabei umklammert er ständig sein neues Handy.
Niemand darf es anfassen, aber er trägt es immer mit sich herum, um es nirgends zu vergessen – das Smartphone war megateuer, es ist sehr wertvoll. Er kann es sich nicht leisten, es zu verlieren oder zu beschädigen. Seine Eltern würden ihm nie mehr ein ebenso schönes kaufen.
»Oh, schaut dort!«, ruft Lola plötzlich.
Der Fahrer, der gerade die Rennbahn verlassen hat und um dessen Gokart sich jetzt der Schnurrbärtige von vorhin kümmert, ist kein Junge ... es ist ein Mädchen! Und sehr hübsch
obendrein. Sie hat große länglich geschnittene Augen und einen langen schwarzen Zopf, den sie unter dem Helm versteckt. Der Schnurrbärtige nennt sie »Olivia«.
Lola, Peter und Midori Kuma nähern sich neugierig und hören sie sagen:
»Superbob, du bist der beste Mechaniker der Welt! Du hast meinen Kart so toll eingestellt, dass er jetzt noch schneller fährt.  Hast du gesehen, wie ich mit den anderen Piloten mithalten konnte? Am Sonntag werden alle nur mehr meine Rücklichter sehen!« Lola ist im siebten Himmel.
Auch Mädchen können Rennfahrerinnen sein!
Was für eine riesensuperultra - fantastische Neuigkeit.
Auf die Idee war sie nicht gekommen und jetzt hat sie noch mehr Lust, es selbst zu probieren, und natürlich will sie auch einen Rennfahreranzug und Helm.
Bevor sie ihn aber aufsetzen würde, würde sie ihn mit ihren Lieblingsfarben bemalen, genauso wie – jeder auf seine Art – es die kleinen Champs auf der Rennbahn getan haben. Und sie will einen ... na, sie kann sich nicht erinnern, wie sie heißen, egal, sie wünscht sich nichts sehnlicher, als sich in
eines dieser kleinen sonderbaren Miniautos zu setzen und fahren zu lernen.
Sie hält nach Steffen Ausschau, aber wer weiß, wo sich ihr Vater herumtreibt.
Wenn er arbeitet, ist er ziemlich abwesend und im Augenblick macht er bestimmt irgendwo seine Interviews.
Ein sonderbares Gezeter unterbricht ihre Gedanken. Von irgendwoher kommt ein so lautes Geschrei, dass es fast den Lärm der Motoren übertönt. Was kann da bloß los sein? Es scheint, keinerlei Unfälle auf der Strecke zu geben, einige der Gokarts drehen weiterhin ihre
Runden, während andere Piloten die Strecke verlassen haben, um eine Pause einzulegen oder etwas an ihrem Fahrzeug neu einzustellen.
Lola, Peter und Midori Kuma gehen in die Richtung, aus der die Schreie kommen, ebenso Olivia und Bob.
Es dauert nicht lange, bis klar ist, wer diese Aufregung verursacht hat. Außerhalb der Rennstrecke, in einem für ein Team vorgesehenen Bereich stehen zwei Jungs mit langen Gesichtern. Einer weint und hält sich das schmerzende Handgelenk. Der andere dagegen scheint nur wegen der Vorwürfe genervt, so als würde man ihn bloß unnütz aufhalten.
»Er hat mich gestoßen und auf den Boden geworfen. Mit der Hand bin ich gegen den Gokart geprallt und da hat sich mein Handgelenk verdreht. Es tut schrecklich weh!«, erklärt der Erste weinerlich.
»Ich hab dich kaum berührt und es war das dritte Mal, dass ich dich gebeten habe, mich vorbei zu lassen! Ich hätte zum Auto meiner Mutter gehen und das Handy holen sollen«, antwortet der andere und streicht wütend den schwarzen Haarschopf aus der Stirn, der ihm fast die Augen bedeckt.
»Wer sind die beiden?«, fragt Lola Olivia.
»Sie heißen Daniel und Max und gehören zu unserem Team«, erklärt das sympathische Mädchen. »Aber in letzter Zeit ist Max irgendwie nervös und auch ein bisschen grob. Als wäre er ein anderer. Bis vor ein paar Monaten war er der sympathischste und netteste Junge der Welt. Und auf der Rennbahn der Beste, praktisch unschlagbar.«
»Warum, gewinnt er jetzt nicht mehr?«, fragt Peter sie.
»Genau, seit ein paar Wochen sieht es so aus, als würde er das Gaspedal nicht mehr benutzen, sondern sich vom Wind treiben lassen ..., wenn der Wind weht. Wisst ihr, was mir dazu einfällt? Eine Schnecke mit Helm!« Olivia stößt einen tiefen Seufzer aus und fügt noch hinzu:
»Vielleicht hat er irgendein Problem ...« Auch Midori Kuma scheint dasselbe zu denken.
Er macht traurige Augen, während er sich den Hinterkopf kratzt.
»Da gibt es keine Zweifel – Max hat ein Problem, und zwar ein großes«, erklärt Bob.
Dann läuft er zu Daniel, um nachzusehen, wie es um sein Handgelenk steht. Lola läuft ihm hinterher, weil es ihr leidtäte, wenn der kleine Pilot nicht mehr fahren könnte ... er ist so schnuckelig, dass sie beschließt, beim Rennen ihn anzufeuern!
Inzwischen ist auch Steffen zu ihnen gestoßen. Er will versuchen, den Vorfall zu klären, und befragt nun einige Eltern.
»Wir wissen einfach nicht, was mit Max los ist. Bis vor Kurzem hätte er alles drangesetzt, um seinen Freunden zu helfen – auf der Rennbahn und auch außerhalb. Oft hat
er auch den kleineren Fahrern bei ihren Aufgaben geholfen. Und immer hat er einen Ball mitgebracht, um nach den Probefahrten ein bisschen Fußball zu spielen«, erzählt
ein Vater.
Eine Frau fügt noch hinzu:
»Er hat davon geträumt, Formel-1-Pilot zu werden. Um sein Ziel zu erreichen, ist er Klassenerster geworden, weil seine Eltern ihm ständig gesagt hatten, dass er mit schlechten Noten nicht mehr Gokart fahren dürfe. Also ist es ihm gelungen, sowohl in der Schule als auch auf der Rennstrecke spitze zu sein. Er hatte eine echte Leidenschaft für diesen Sport.«
»Ich kann euch erklären, was passiert ist«, verkündet ein Mann bedrückt und kommt näher. Es ist Daniels Vater.
Gerade hat sich die Mutter von Max für das Benehmen ihres Sohnes bei ihm entschuldigt.
»Es tut ihr furchtbar leid, sie ist aber besorgt und sagt, dass es sie in diesen letzten Wochen viel Mühe kostet, die jähzornige Art ihres Sohnes zu zähmen. Er beruhigt sich nur, wenn er seine Videogames spielt oder auf seinem Smartphone Videos schaut und mit seinen Freunden chattet. Aber sobald sie ihm sagen, dass er aufhören soll, mit diesen Sachen zu spielen, und es an der Zeit ist, zu lernen oder auch nur sich zur Familie zu Tisch zu setzen, gibt er freche Antworten und redet nicht mehr mit ihnen.«
»Du liebe Güte, das ist echt ein Problem«, murmelt Steffen leise zu Lola und Peter.
Auch die Augen von Midori Kuma blicken richtig besorgt. Aber die beiden Cousins verstehen nicht, wie etwas so Unterhaltsames wie Videospiele oder Handys jemanden so sehr verändern
kann.
»Das ist noch nicht alles«, fährt Daniels Vater fort.
»Die Mutter von Max ist auch deshalb besorgt, weil er sagt, dass er keine Lust mehr hat, Rennen zu fahren. Bis vor Kurzem hat es für ihn nichts anderes gegeben, als Gokarts und Autos. Sie versteht nicht, wie es möglich ist, dass diese große Leidenschaft ihres Sohnes so schnell verflogen ist ... Die seltenen Male, wenn er etwas von sich erzählt, sagt Max, dass er neue, viel sympathischere Freunde hat, als seine Schulkameraden oder die Freunde von den Kartbahnen.«
»Dass es sympathischere Freunde als uns gibt, das möchte ich echt sehen ... Für mich ist das unmöglich«, sagt Olivia ein bisschen beleidigt.
Daniels Vater sagt zum Schluss:
»Die Arme, es tut mir ehrlich leid, dass sie sich so um ihren Sohn sorgen muss, der jetzt nur mehr von virtuellen Freunden redet. Niemand von der Familie hat diese Freunde je getroffen und manchmal hat sie den Verdacht, dass er sogar alles erfunden hat.«
»Man müsste ihm für einige Zeit die Videospiele und das Handy wegnehmen«, schlägt ein Vater vor.
»Dann ist es noch schlimmer«, antwortet Daniels Vater.
»Jedes Mal, wenn sie ihn nicht spielen oder chatten lassen, wirft sich Max auf sein Bett und starrt an die Decke. Als hätte er einen Geist gesehen. Er hat nicht einmal Hunger und manchmal weigert er sich zu essen.«
Die Eltern der jungen Rennfahrer bleiben noch ein wenig und reden über die Verwandlung des Ex-Champions. Gemeinsam beschließen sie, eine Lösung zu finden, um ihm zu helfen. Es tut ihnen leid, dass er sein großes Talent einfach wegwirft.
»Neue Technologien, neue Probleme. Leider sind sie oft unbekannt«, murmelt Bob leise.
Niemand scheint die Worte von Olivias klugem Mechaniker gehört zu haben – außer Midori Kuma, der sich ihm nähert und seine Pfote für ein High Five hochhält. Die beiden haben
sich verstanden.
Und sie wissen, dass sie noch einiges zu sehen bekommen werden. Das Schauspiel hat
gerade erst begonnen.
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