KAPITEL 1

Ein Abenteuer
mit Vollgas

Jetzt passiert gleich etwas Besonderes. Lola sieht es ihrem Papa an, als er von der Arbeit nach Hause kommt.
Sie versucht zu erraten, ob er irgendwo ein Geschenk versteckt. Ganz bestimmt gibt es eine Überraschung, weil Steffen sich immer verrät, was er natürlich nicht weiß.
Es ist sein Gesichtsausdruck – jedes Mal, wenn er Lola mit etwas Schönem überraschen will, versucht er, total ernst zu bleiben, aber einer seiner Mundwinkel lächelt.
»Lola, lauf schnell und packe eine Tasche! Vergiss die Sportklamotten nicht!« Dabei wirft er sich auf das Sofa neben sie und nimmt ihr die Fernbedienung für den Fernseher aus der Hand. Das macht er nicht, um sie zu ärgern, er will nur, dass sie ihm aufmerksam zuhört. Das wäre überhaupt nicht nötig, weil sie bereits vor Neugierde platzt.
Von hinten betrachtet sehen sich Vater und Tochter mit ihren roten, krausen Haaren sehr
ähnlich.
»Wie viele Tage bleiben wir weg?«, will Lola wissen und rückt ihre grüne Brille zurecht.
Sie liebt diese Brille, weil Mama ein Modell ausgesucht hat, dessen Form an Katzenaugen erinnert. Sie passt ganz toll zu ihrem Gesicht voller Sommersprossen.
»Diesmal ist es ein Abenteuer mit Vollgas, das drei Tage dauern wird, genauso lang wie dieses Wochenende. Und wir werden nicht allein sein.« Steffen genießt richtig Lolas wachsende Neugierde.
»Wer kommt noch mit? Und was heißt ›mit Vollgas‹?«
»Wir müssen unbedingt deinen Cousin mitnehmen, sonst redet er nie mehr mit mir.«
»Hurra! Peter habe ich schon so lang nicht mehr gesehen... Wer weiß, wie sehr seine Haare gewachsen sind! Er sagt, dass er sie nicht mehr schneiden lassen will. Wenn ich auch so ein Handy hätte wie das von Peter, das er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, könnten wir uns Nachrichten schicken und jeden Tag Videoanrufe machen ...« Lola ist gerade acht geworden
und schon superschlau!
Aber Steffen tappt nicht in diese Falle. Seit Monaten wünscht sich Lola ein Handy, um mit ihren Freundinnen zu chatten und Ballet-Videos aufzunehmen. Ihre Eltern wiederholen ständig, dass sie noch zu jung sei, und viele Kinder zwar Handys besitzen und benutzen, aber noch nicht alt genug sind, um ein Profil in den Sozialen Medien anzulegen. Das gilt auch für ihren Cousin Peter, der zu seinem zehnten Geburtstag ein mega Smartphone mit sogar vier Videokameras bekommen hat.
»Du kannst ihn mit meinem Handy anrufen, wann du willst«, erklärt Steffen und reicht ihr das Handy.
»Los Lola, ruf ihn an und sag ihm, dass wir gleich kommen. Seine Mama weiß es schon. Ich erkläre euch dann alles im Auto.«
Lola ist so aufgeregt, dass sie mit ihrem heißgeliebten Cousin drei Tage wegfahren wird, dass sie dieses Mal nicht auf ihrem Wunsch besteht, ein Smartphone ganz für sich allein zu haben. Aber Steffen weiß, dass es nur eine Verschnaufpause ist – Lola versucht es mit jedem möglichen Vorwand, weil fast alle ihre Freundinnen ihr eigenes Handy haben, während sie nur das Tablet der Eltern (und auch nur, wenn sie es gerade nicht brauchen) benutzen darf. Also hat sie sich ein
Smartphone zum Geburtstag gewünscht, dann für jede gute Note und sogar, als sie einen Zahn verloren hatte!
Aber es war nichts zu machen, Steffen und seine Frau Anne ließen sich nicht erweichen.
Als Erstes packt Lola natürlich ihren Midori Kuma ein, einen großen grünen, wirklich gaaaaaanz
besonderen Plüschbären aus Japan, von dem sie sich nie trennt.
Midori Kuma fängt gleich an, sich zufrieden den Bauch zu
kratzen. Das macht er jedes Mal, wenn er sich freut – er hat offenbar Lust wegzufahren!
Wenn er aber nervös, besorgt oder verärgert ist, kratzt er sich am Hinterkopf.
Für Lola war es nie schwer, diese Gesten zu verstehen, denn die Augen des Bären sind unglaublich ausdrucksvoll und scheinen zu sprechen.
Das ist aber nicht alles – Midori Kuma kann gehen, gewöhnlich hüpft er aber lieber. Dieser grüne Bär ist supersympathisch, lieb, aber auch stark und beschützend und obendrein klug, aber nie langweilig.
Lola und die ganze Familie wollen ihn immer bei sich haben. Lolas Eltern haben das Gefühl, dass er Lola vor jeder Gefahr beschützen kann. Genauso wie gerade jetzt, während sie mit dem
Auto zu Peter fahren. Lola fragt ihren Papa, ob sie zum Abendbrot Pizza mit Pommes drauf essen können, aber Steffen will nicht, weil sie wieder Bauchweh bekommen könnte wie letzte Woche, als sie eine Riesenportion Schoko- und Zitroneneis vertilgt hatte. Die zwei Sorten passen nicht so toll zusammen.
»Das war kein Schoko- und Zitroneneis, Papi! Das war Lakritze und Zitrone«, korrigiert ihn Lola.
Midori Kuma macht große Augen und kratzt sich den Kopf, als wollte er sagen, dass die beiden Eissorten zusammen auf jeden Fall zu Bauchweh führen, genauso wie Pommes auf der Pizza. Und dann tut er so, als würde er mit der Pfote Lola füttern.
Das ist seine Art, seine Freundin zu trösten, wenn sie um eine übertriebene
Nascherei bettelt. Er reicht ihr ein unsichtbares Essen, das ihr ganz bestimmt nicht schaden wird.
»Danke, Küchenchef!«, sagt Lola und streichelt ihn zärtlich.
»Ich habe das Gefühl, dass ich tatsächlich die Pommes vermischt mit Tomaten und Mozzarella
schmecken kann!« Midori Kuma kratzt sich zufrieden den Bauch.
»Macht ihr immer noch die Tour mit dem unsichtbaren Essen? Seid ihr auf Diät?«, ruft Peter, während er in den Wagen steigt und mit der rechten Hand alle mit einem High Five begrüßt.
Mit der linken Hand umklammert er fest sein neues Smartphone, von dem er sich nie trennt. Seine
schwarzen Haare sind deutlich gewachsen, aber vor allem sind sie ganz zerzaust.
»Das unsichtbare Essen schadet wenigstens nicht. Dagegen gibt es andere unsichtbare Dinge, die ernsthafte Probleme verursachen können«, antwortet Steffen, dabei fixiert er Peters neues Telefon.
»Was willst du damit sagen?«, fragt Lola und zerzaust ihrem Cousin die Haare noch mehr.
»Dass nicht alles, was unsichtbar scheint, es auch wirklich ist. Es gibt Dinge, die gefährlich sein
können, auch wenn man nicht weiß, wie sie aussehen. Aber wenn wir ein bisschen vorsichtig sind, bekommen wir kein Bauchweh«, antwortet ihr Papa.
Lola und Peter sehen sich verdattert an und fragen sich, ob wenigstens einer von beiden den Sinn dieser sonderbaren Aussage verstanden hat.
»Eines Tages erkläre ich euch, was ich sagen wollte« verspricht Steffen.
»Wie viele Geheimnisse heute«, bemerkt Lola.
»Papa, willst du uns nicht erklären, was an diesem Wochenende passieren wird? Fahren wir zu ... einem unsichtbaren Ort?«
»Du hast recht, Lola, jetzt erkläre ich alles.« Steffen ist Journalist und hat einen neuen Auftrag
bekommen – er muss zu einer Kartbahn fahren, das heißt, zu einer Rennstrecke, die kleiner als die für Formel-1-Rennen ist, weil dort ein wichtiges Kinderrennen
stattfindet.
Die kleinen Rennfahrer lenken Gokarts, das sind kleine Fahrzeuge für alle, die eines Tages Profirennfahrer werden wollen. Steffen muss Interviews mit den kleinen Piloten machen und herausfinden, was sie sich für ihre Zukunft erträumen. Das Rennen findet über drei Tage hinweg statt. Am Freitag sind die Probefahrten vorgesehen. Die kleinen Piloten lernen die neu Rennstrecke kennen und finden heraus, wie sie die Strecke in der bestmöglichen
Zeit zurücklegen können.
Der Samstag ist für die Qualifikationen bestimmt – jeder Fahrer muss versuchen, schneller als die anderen zu sein, um dann als Erster zu starten. Am Sonntag findet das Rennen statt.
»Peter, such‘ im Internet ein Foto von einem Gokarp, damit ich sehen kann, wie er aussieht«, befiehlt Lola, die keine Ahnung hatte, dass auch Kinder Rennen fahren können.
»Das heißt nicht Gokarp, sondern Gokart!«, verbessert sie Papa.
In wenigen Sekunden findet Peter im Internet das richtige Foto.
»Hier, schau wie die Fahrer sitzen, mit dem Hintern praktisch auf dem Asphalt!«, erklärt Peter.
Er ist bei der Vorstellung, eine Rennbahn zu besichtigen, total aufgeregt. Im Fernsehen schaut er sich immer die Autorennen an. Steffen muss ganz viele Fragen beantworten und zugleich
lange erklären, wie sie sich auf der Rennbahn verhalten sollen, um niemanden bei der Arbeit zu stören. Als er in den Rückspiegel blickt, sieht er, dass seine kleinen Mitreisenden eingeschlafen sind.
Sobald Steffen in den Bereich der Rennbahn fährt, öffnen Lola, Peter und Midori Kuma im selben Augenblick die Augen, als hätten sie einen Wecker gehört.
Der von der Rennbahn zu ihnen dringende Lärm ist ohrenbetäubend. Die drei Freunde drücken die Gesichter an das Autofenster. Sie können es nicht erwarten, auszusteigen und loszurennen, um herauszufinden, was man mit diesen komischen kleinen Autos machen kann.
Aber das ganze Umfeld ist total spannend, die Kinder in ihren Klamotten, die aussehen, als wären sie Formel-1-Piloten mit Helmen, die sie fast wie Außerirdische wirken lassen – ein riesiger Kopf auf einem kleinen Körper. Und dann die Rennbahn mit all ihren Kurven, den Schutzreifen am Rand der Strecke und vor allem das Gefühl, an etwas Besonderem, Außerordentlichem teilzuhaben.
»Muss man eine Prüfung machen, um mit den Garts zu fahren?«, fragt Lola.
»Sie heißen Karts!« Diesmal verbessert Peter sie und lacht.
»Um bei einem Rennen mitzumachen, braucht man eine Lizenz, eine Art Führerschein. Sonst genügt es, dass man die nötige Schutzausrüstung hat, dann kann man Gokarts für ein paar Runden mieten«, erklärt Steffen.
Wie immer ist Lola superneugierig und will alles Mögliche wissen.
»Wozu liegen denn all diese Reifen am Rand der Strecke? Muss man einen Helm tragen? Was muss man tun, damit man richtig schnell fahren kann? Haben sie keine Angst? Papa, kaufst du mir einen Pilotenanzug, um mit einem Mart zu fahren?« Steffen und Peter lachen los und Midori Kuma kratzt sich den Bauch.
Lola gelingt es einfach nicht, das Wort ›Kart‹ richtig auszusprechen. Alle sind sich zweier Dinge sicher: Erstens, dass sie bis Sonntag auch dieses neue Wort lernen wird und zweitens, dass sie sich jetzt nicht nur ein Handy wünschen wird, sondern auch mit einem Gokart fahren zu dürfen.
Und sie ist nicht die Einzige, die sich das wünscht.
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WENN DU SO WEIT GEKOMMEN BIST,
BEDEUTET DAS, DASS ES DIR WIRKLICH GEFÄLLT.
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